Sie sind zurück! Sechs Uhren waren ein halbes Jahrhundert verschwunden (Teil 2)

Schwarzwalduhren im Wuppertaler Uhrenmuseum

Das Deutsche Uhrenmuseum konnte bei der Versteigerung des Wuppertaler Uhrenmuseums der Familie Abeler sechs Holzuhren erwerben. Diese Stücke waren bis in die 1950er Jahre bereits einmal Teil der Furtwanger Sammlung gewesen.

Vergangene Woche konnen Sie lesen, wie die Uhren erst nach Wuppertal und dann wieder zurück nach Furtwangen kamen. Nun wird das Geheimnis gelüftet: Um welche Uhren handelt es sich?

Zum Kern der Furtwanger Sammlung zählen bis heute Belegstücke aus der ersten Zeit der Uhrmacherei im Schwarzwald. Drei dieser Uhren mit Holzräderwerken befanden sich auch im Uhrenmuseum Abeler. Das besondere an den Uhren aus der Furtwanger Sammlung: Sie können meist namentlich einem Uhrmacher zugeordnet werden. Normalerweise fehlt diese wichtige Information bei anderen frühen Schwarzwalduhren. Denn die Hersteller hatten die Uhren in der Regel noch nicht signiert.

Die Furtwanger Sammlung wurde bereits 1852 begründet und so konnten die Informationen über die Erbauer noch bei den Nachfahren der ersten, zweiten oder dritten Generation abgefragt werden. Deshalb wissen wir heute, dass die Uhr Nr. 453 von Joseph Dilger um 1785 im Glottertal, die mit der Nr. 538 von Simon Löffler um 1770 in Neustadt hergestellt wurde.

Kistner Nr. 453: Holzräderuhr, Joseph Dilger, Glottertal, 1785
Kistner Nr. 538: Holzräderuhr, Simon Löffler, Neustadt, 1770

 

 

 

 

 

 

 

 

Die letztgenannte Uhr ist auch insofern bemerkenswert, als sie wahrscheinlich eine der ersten Schwarzwälder Uhren mit Ankerhemmung und Langpendel ist. Selbst das Ankerrad ist noch aus Holz gefertigt.

Kistner Nr. 542: Holzrädersurrer, Schwarzwald, um 1780

Eine dritte Holzräderuhr (Kistner Nr. 542) ist zwar nicht signiert, aber von der Technik her sehr typisch für den Schwarzwald. Es handelt sich dabei um einen sogenannten „Surrer“, benannt nach dem charakteristischen Geräusch des Schlagwerks. Surrer schlagen nicht – wie meist üblich – die Stunden und Viertelstunden mit jeweils einem Uhrwerk. Für beide Schläge zusammen benötigt ein Surrer lediglich ein einziges Uhrwerk.

Für diese drei Uhren interessierte sich auf der Auktion außer uns niemand. Der Grund dafür: Im 19. Jahrhundert war die Furtwanger Uhrmacherschule sehr stolz auf ihre Sammlung und überarbeitete die Uhren gründlich und gekonnt. Zifferblatt und Zeiger wurden ganz neu angefertigt. Diese Tatsache hielt offensichtlich viele potentielle Käufer davon ab, auf diese Uhren zu bieten. Denn Sammler lieben es gar nicht, wenn die Uhren nicht mehr im Originalzustand erhalten sind. Für uns jedoch sind diese Stücke besonders wertvoll, zeigen sie doch einen wichtigen Teil unserer Museumsgeschichte.

Zu den Prunkstücken in vielen Sammlungen historischer Uhren zählen die seltenen „Männle-Uhren“ aus dem Schwarzwald. Auch in der Sammlung Abeler befanden sich davon mehrere solcher Uhren mit beweglichen Figurenautomaten, zwei davon mit Provenienz „Historische Uhrensammlung“.

Kistner Nr. 764: „Männleuhr“ mit Schildwache, Schwarzwald, um 1870
Kistner Nr. 764: Schwarzwalduhr mit Kapuziner, Schwarzwald, um 1840

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei einer Lackschilduhr von ca. 1870 patrouilliert ein Wachsoldat mit dem Pendelschlag zwischen Schildhäuschen und Kanone hin und her (Kistner Nr. 734). Die andere Lackschilduhr von ca. 1840 konnte nur anhand der charakteristischen Bemalung des Schildes erkannt werden. Kistner beschrieb dieses Stück 1925 unter Nr. 764: „Der Rundbogen zeigt Mann und Frau in altrömischer Tracht neben romanischer Kirche.“ Bei dieser Uhr öffnet sich jeweils um sechs und um zwölf Uhr die Türe im Zifferblatt und ein Mönch wird sichtbar, der an einem Glockenseil zieht. Dazu ertönt ein längeres Glockengeläut, zu dem das Angelusgebet verrichtet werden soll. 1925 besaß die Uhr noch ein „nachträglich (schlecht) eingesetztes Papierschild unter Glas“. Dieses wurde später wieder entfernt. Die Retuschen sind heute noch deutlich sichtbar.

Kistner Nr. 654: Holzräderuhr, Ambühl, Davos, 1792?

Neben diesen wertvollen Schwarzwalduhren konnte das Museum auch eine frühe Schweizer Holzräderuhr zurückkaufen. In Sertig, einem Seitental des Landwassertals in Davos, baute die Familie Ambühl von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts charakteristische Uhren mit einem robusten Werkaufbau und einem eigenartig geformten Giebel. Nun befindet sich in der Sammlung neben einem frühen Stück (Nr. 671) auch wieder ein deutlich jüngeres (Nr. 654). Durch den „Neuzugang“ lässt sich wieder nachvollziehen, wie wenig sich zwischen dem Ende des 17. Jahrhunderts und dem Ende des 18. Jahrhunderts beim Uhrenbau in Davos verändert hat.

Was meinen Sie: Ist das nicht ein Grund zum Feiern, dass nach 50 Jahren diese bedeutenden Uhren ihren Weg wieder zurück nach Furtwangen gefunden haben?

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