Ein schwerhöriger Wecker

Batteriewecker der Braun AG mit voice control. © Rainer P.A. Wermke

„Hallo Google!“ Die Sprachaktivierung der bekannten Suchmaschine kennt wohl jeder Technikaffine. Das Sprechen mit technischen Geräten ist aber schon eine alte Erfindung. Auch Wecker konnte man mit seiner Stimme zum Schweigen bringen. Zumindest versprach das die Werbung.

Eigentlich bin ich kein Freund von Hunden. Aber offensichtlich war ich vor dreißig Jahren empfänglich für den Slogan: „Der Wecker, der aufs Wort gehorcht.“ So hatte die Firma braun ihren kompakten Wecker voice control im klassisch-schlichten Design beworben. Der Clou dabei: Der Weckton verstummte, sobald man „Stopp“ sagte. Wichtig dabei: Dank Schlummerfunktion erinnerte er den Schläfer nach wenigen Minuten daran, dass es nun Zeit zum Aufstehen sei. Erneut begann er erst leise zu piepsen, um allmählich lauter zu werden. Erst wenn man die Weckfunktion manuell abstellte, verstummte das Signal endgültig. Welch wunderbare Vorstellung, so sanft geweckt zu werden!
Mit meinem kargen Budget als Student konnte ich mir dieses Wunderwerk der Technik nicht leisten. Doch nachdem ich meiner Oma einen diskreten Tipp gegeben hatte, fand ich das begehrenswerte Stück unter dem Weihnachtsbaum. Leider währte die Freude nicht lange …

Zurück in meiner Berliner Studentenbude holte mich der Alltag wieder ein. Als Patentrezept gegen die vielfältigen Verlockungen der Großstadt hatte ich mir ein strenges Zeitkorsett verordnet: Aufstehen morgens um 6:45 Uhr. Pünktlich begann der Wecker seinen Dienst. Erst dezent, dann etwas vernehmlicher begann er sein: „Piep, Piep, Piep, Piiiep!!“ Verschlafen hauchte ich in Richtung voice control ein dünnes: „Stopp“. Aber nichts passierte. Unbeeindruckt von meinen unbeholfenen Artikulationsversuchen wurde der Weckton immer penetranter: „PIEP, PIEP, PIEP, PIIIEP!“ Also noch ein Versuch: „Stoohopp!“ Erschöpft sank ich in mein Kissen zurück. Wieder nichts. „PIEP, PIEP, PIEP, PIIIEP!“ – „STOPP! STOPP! STOPP!“ Doch mein Wecker trotzte selbst stärkstem Gebrüll. Bewundernswert, diese stoische Ruhe.

Vielleicht lag es ja daran, dass meine Lippen noch nicht so geschmeidig waren? Nachdem ich mir sorgsam meinen Mund befeuchtet hatte, intonierte ich einen übertrieben deutliches Stopp mit Plopp am Ende. Peinlich: Durch die feuchte Aussprache wurde nun auch meine unmittelbare Umgebung in Mitleidenschaft gezogen. Der Kater begann sich zu räkeln und sich einen anderen Platz zu suchen.

Inzwischen war ich wirklich wach. Der Wecker hatte seinen Dienst getan – leider anders, als ich mir das erhofft hatte. Entnervt stellte die Weckfunktion ab.

Das Problem mit der Schwerhörigkeit ließ sich nicht beheben. Nur wenn ich sehr konzentriert scharfe Befehle in Richtung Wecker schleuderte, ließ er sich erweichen, mit dem Piepsen aufzuhören. Sanftes Wecken hatte ich mir anders vorgestellt. Pech: Da hatte ich wohl ein Exemplar aus der Montagsproduktion erwischt.

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