(M)ein Blick auf die Kultur

„Damit hätte ich nicht gerechnet!“ So etwa lässt sich eine sehr häufige Reaktion zusammenfassen, die unsere Gäste nach einer Führung oder einem Besuch unserer Ausstellung äußern. Glücklicherweise wird diese Einschätzung fast immer von einem positiven Unterton begleitet. Und so freut es auch mich persönlich jedes Mal, wenn die Besucher etwas finden, was sie überrascht, beeindruckt, begeistert oder emotional anspricht.

Dieser Artikel unseres Museumspädagogen Robert Werner ist ein Beitrag zur Blogparade des Archäologischen Museums Hamburg unter dem Titel „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“.

Was hat das mit Kultur zu tun? Oder mit dem Blick darauf? Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich ein paar meiner Erfahrungen aus dem Umgang mit unseren Besuchern schildern. Jeder hat schließlich seinen Blick auf Kultur, ob es einem bewusst ist oder nicht. Und eine gute Ausstellung sollte den „KultBlick“ sowohl fördern, als auch fordern.

Eine kostbare französische Uhr aus der Renaissance – über 450 Jahre alt.
Auch die USA hatten im 19. Jahrhundert eine Uhrenindustrie und machten den Schwarzwäldern Konkurrenz.

Natürlich gibt es bei uns alte Uhren, die ältesten fast fünfhundert Jahre alt. Im Blick der Besucher auf diese Objekte liegt häufig Anerkennung und Staunen: Handwerkskunst und Geduld der Hersteller, Stile älterer Epochen, Pracht und Reichtum der Besitzer. Diese Aspekte ermöglichen einen kleinen Einblick in Kulturen, die jenseits unserer Alltagserfahrung liegen. Gleichzeitig schärft sich beim Gang durch die Jahrhunderte das Bewusstsein dafür, dass auch frühere Generationen schon mit Sorgen und Problemen zu kämpfen hatten, die uns noch heute beschäftigen. Schwarzwälder Uhrmacher, die sich gegen Konkurrenz aus den USA behaupten mussten, weltweiter Export und Austausch von Ideen, Gütern und Personen: Auch das 19. Jahrhundert kannte schon die Globalisierung.

In wie vielen Küchen der 50er-Jahre eine solche Uhr wohl in die Zeit anzeigte?

Ganz anders wird der Blick, wenn unsere Museumsgäste in die Abteilung über das 20. Jahrhundert kommen. „So eine haben wir auch gehabt“, höre ich häufig, wenn sie die Küchenuhren der 50er und 60er Jahre sehen. Oder: „Genau so einen habe ich damals bekommen“, sagt mehr als ein Besucher, dessen Blick auf die Reisewecker fällt. Hier ist es ein Stückchen Alltagskultur des letzten Jahrhunderts, das Erinnerungen wachruft und freudige Reaktionen hervorbringt.

Kitsch oder Kult? An der Kuckucksuhr scheiden sich die Geister.

Bei alldem richte ich natürlich auch meinen Blick als Museumsführer auf unsere Gäste und die Kultur, die sie vertreten. Dabei wird der Unterschied der Generationen deutlich, der von der Zeit hervorgebracht wird. Stile, Vorlieben, Empfinden ändern sich natürlich, je nachdem, womit man aufgewachsen ist und welchen Einflüssen man ausgesetzt war. Viele Reaktionen unserer älteren Besucher sind ungemein positiv: Wiedererkennen, Bewunderung, Freude oder häufig die Bemerkung „Ist das schön!“. Dagegen tun sich die Besucher im Alter zwischen 12 und 20 Jahren mit solcher Begeisterung schon schwerer. Ist es wirklich nur die „Coolness“, sich vor den Klassenkameraden nichts anmerken zu lassen? Oder ist der Kultur-Blick, der unserer Ausstellung zugrundeliegt, einfach noch zu stark im vergangenen Jahrhundert verwurzelt? Können wir es schaffen, mit den geänderten Wahrnehmungsgewohnheiten mitzuhalten und den Blick auf das zu richten, was wichtig ist?

Wir versuchen, mit unserer Ausstellung für jeden Besucher etwas bereitzuhalten, Entdeckungen aus fernen Zeiten ebenso wie Überraschendes aus der Gegenwart. Wer denkt schon daran, dass zum Beispiel der Wecker genauso typisch für den Schwarzwald ist wie die Kuckucksuhr? Dass Überraschungen ganz essentiell für das Erleben von Kultur ist, arbeitet Nicole Czerwinka in ihrem Beitrag zu dieser Blogparade wunderbar heraus. Überraschung weckt Interesse und macht Lust auf mehr. Und gerade wenn man den Kultur-Blick verloren zu haben glaubt – was könnte dann besser geeignet sein, um ihn wiederzufinden?

Unsere heutige Kultur ist zutiefst von einem Zeitbewusstsein durchdrungen, das wir kaum als solches wahrnehmen – weil es für uns selbstverständlich geworden ist. Mit unseren Führungen, unseren Infotafeln oder Handzetteln wollen wir dafür gerne den Blick schärfen. Wir erklären gar nicht so viel – viel eher versuchen wir, den Blick zu fokussieren und auf Details oder Zusammenhänge zu lenken, die bei ihrer Entdeckung genau dieses Erlebnis des Überraschung auslösen, welches wir so oft bei unseren Besuchern bemerken.

 

Wir nehmen natürlich nicht allein an der Blogparade teil. Werfen Sie doch auch einen (Kult)Blick auf die übrigen Beiträge – sie lohnen sich!

8 Kommentare zu „(M)ein Blick auf die Kultur

  1. Lieber Robert Werner,

    klasse ist dieser #KultBlick, der die Zeit in den Fokus nimmt, vor allem aber die Überraschung als Auslöser zur Reflexion?!

    Ihr seid damit das 2. Museum, das bei der Blogparade mitmacht und ich bin begeistert, auch darüber, dass ihr bei anderen Teilnehmern mitlest. Alle bieten extrem viel Denkstoff. Wunderbar ist, dass Ihr Eure Erfahrung mit den Besuchern und ihren Reaktionen hier wiedergebt.

    Ich wünsche ganz viel Erfolg für die Ausstellung, Vermittlung und den Austausch mit den Besuchern.

    Merci!
    Sonnige Grüße
    Tanja Praske

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    1. Herzlichen Dank für den freundlichen Kommentar – und vor allem für das Aufmerksam-Machen auf die Blogparade!

      Jeder, der im Museum arbeitet, sammelt natürlich mit der Zeit Eindrücke von den Besuchern, den Exponaten, der Ausstellung… Schön, einmal darüber berichten zu können. Das ist vielleicht auch der große Vorteil einer „menschlichen“ Führung gegenüber einem Audio-Guide: Der direkte Kontakt zwischen Museumspersonal und Museumsgästen. Es gibt einfach unglaublich viel zurück, wenn bei den Besuchern Interesse, Freude oder Neugier aufscheint. Genau das macht die Museumsarbeit auch so lebendig und lohnend.

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    1. Gern geschehen – im Museum passieren hinter den Kulissen so viele Dinge, die man von außen gar nicht so einfach sieht. Und genau deshalb betreiben wir ja (unter anderem) auch unseren Blog, damit ein paar Einblicke in unsere Arbeit und unsere Gedanken möglich wird.

      Wenn Sie es nach Furtwangen schaffen und bei der Besichtigung Fragen aufkommen: Einfach nachfragen! Nicht nur haben wir jeden Tag geöffnet, es stehen auch immer Mitarbeiter zur Verfügung, bei denen man sich weitere Informationen holen kann. Bis vielleicht bald einmal vor Ort!

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  2. Lieber Robert Werner,
    das sind sehr spannende Fragen, die Du in deinem Artikel aufwirfst. Auch wir vom Archäologischen Museum Hamburg sind bemüht zielgruppengerechte Angebote zu schaffen, aber vor allem für junges Publikum einen Zugang zu gestalten, der Ihnen Lust auf mehr macht.
    Danke für Deine Perspektive und den #Kultblick Beitrag aus einem Museum! Großartig!
    Herzliche Grüße aus Hamburg

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