Doppelte Sommerzeit – doppeltes Ärgernis?

Am kommenden Wochenende werden die Uhren von der Sommerzeit wieder auf die Normalzeit gestellt. Doch schon vor 70 Jahren war die Sommerzeit in Deutschland nichts neues mehr. Zweimal war sie bereits eingeführt worden: Sowohl im Ersten, als auch im Zweiten Weltkrieg sollte sie helfen, Energie zu sparen und das Sonnenlicht besser auszunutzen. Doch wussten Sie, dass es 1947 sogar den Versuch einer „doppelten Sommerzeit“ gab?

Postkarte zur erstmaligen Einführung der Sommerzeit in Deutschland 1916, monogrammiert MG, O.D.&C.B. 161, Archiv des Deutschen Uhrenmuseums, Inv. 100318

Am 11. Mai 1947 wurden die Uhren erneut um eine Stunde vorgestellt, nachdem bereits Anfang April am Zeiger gedreht worden war. Ziel war, in der Mangelwirtschaft noch mehr Kohle und Heizmaterial zu sparen. Die Vorteile der Sommerzeit wurden auch von den Alliierten, die Deutschland nach dem Krieg besetzt hatten, nicht in Frage gestellt. Die Einführung der doppelten Sommerzeit mag ein Versuch der Besatzungsmächte gewesen sein, einem weiteren Hungerwinter wie 1946/47 mit allen Mitteln vorzubeugen.

Denn der vergangene Winter war desaströs gewesen. Nicht nur in Deutschland, in ganz Europa blickten die Menschen auf den kältesten Winter des 20. Jahrhunderts zurück. Allein in Deutschland kostete er hunderttausend Menschen das Leben. In den zerbombten Städten fiel die ausgezehrte und geschwächte Bevölkerung Frost und Hunger zum Opfer. Nach einem trockenen Sommer war die zudem Ernte knapp ausgefallen. Die Besatzungsmächte konnten der Katastrophe keinen Einhalt gebieten, da die Ernährungslage in ihren Ländern kriegsbedingt ebenfalls sehr angespannt war. Beleuchtungs- und Heizmaterial musste eisern gespart und das Sonnenlicht maximal ausgenutzt werden. Die Alliierten waren keineswegs bereit, die deutsche Bevölkerung auf unabsehbare Zeit wirtschaftlich zu unterstützen. Das Drehen am Zeiger war ein Versuch, die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Die Rüter-Uhr war keine mechanische Uhr, sondern eine tragbare Sonnenuhr – ein Versuch, auch aus den beschränkten Mitteln der Nachkriegszeit das Beste zu machen. Sammlung des Deutschen Uhrenmuseums, Inv. 2006-121

Nun regte sich zum ersten Mal Protest gegen die Sommerzeit. Während des Dritten Reiches und auch in den ersten Nachkriegsjahren hatten die Deutschen die Umstellung der Uhren stillschweigend hingenommen. Zwei Jahre nach Kriegsende aber wehrte sich die Bevölkerung gegen die Verordnung, zwei Stunden von der Normalzeit abzuweichen. Im bayrischen Allgäu ließ die Bevölkerung den Worten auch Taten folgen: Dreißig Gemeinden weigerten sich, ihre Uhren umzustellen. Teilweise wurden sogar Turmuhren angehalten oder außer Betrieb gesetzt. Die Nordseeinsel Pellworm wollte gar wieder zur Normalzeit zurückkehren, musste aber einen Tag später einlenken und die doppelte Sommerzeit einführen.

Beim Alliierten Kontrollrat gingen zahllose Petitionen ein, die für die Abschaffung der doppelten Sommerzeit warben. Parteien, Verbände und Gewerkschaften verwiesen auf Gesundheitsrisiken und unzumutbare Arbeitsumstände. Unterstützung erhielten sie von Amtsärzten, die starke Bedenken bei der verkürzten Schlafzeit vor allem bei Kindern und Jugendlichen äußerten. Der Alliierte Kontrollrat zeigte nach anfänglicher Zurückweisung schließlich Einsicht. Am 30. Mai 1947 verkündete er, dass die doppelte Sommerzeit am 29. Juni ende und die einfache Sommerzeit wieder eingeführt werde. Die Wirkung des Einlenkens ist nicht zu unterschätzen. Zum einem war es für die Deutschen eine wichtige Erfahrung, dass sie durch geschlossene Proteste und Beschwerden politisch etwas bewegen konnten. Und zum anderen wurde für die Bevölkerung ersichtlich, dass ihre Besatzungsmacht nicht stur an Entschlüssen festhielt, nur weil sie getroffen worden waren, nicht aber dem Wohl des Volkes entsprachen. Die Besatzungsmacht führte die doppelte Sommerzeit in den Folgejahren nicht wieder ein. Die einfache Sommerzeit indes blieb.

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