Uhrmacher plant Kirchenbau

Lackschilduhr mit Darstellung der „Kath. Nothkirche Furtwangen“.

1875 plante der Furtwanger Uhrmacher Irenäus Eschle den Bau einer Kirche. Doch warum? Zu dieser Zeit tobte im Deutschen Reich ein erbitterter Streit zwischen katholischer Kirche und Staat. Im „Kulturkampf“ diskutierte man die Fragen, ob der Papst unfehlbar sei und wie viel Einfluss die Kirche im Staat ausüben durfte. Dies teilte auch Furtwangen in zwei Lager.

 

Kulturkampf in Furtwangen

Die meisten Einwohner Furtwangens blieben der traditionellen, römisch-katholischen Kirche auch im Kulturkampf treu. Doch ein Kreis um die hiesigen Fabrikanten gründete 1872 eine von Rom losgelöste, altkatholische Gemeinde. Ihr gehörten fast alle Unternehmer der Stadt an. Sie akzeptierten unter anderem die von Papst Pius IV. 1870 verkündete Unfehlbarkeit der Päpste nicht.

Furtwangen mit Notkirche (li.) und Pfarrkirche. Foto „Der Rößle-Brand am 25. Juli 1883“.

Die Gründung der altkatholischen Gemeinde bedeutete für Furtwangen aber nicht nur, dass sich zwei Gruppen in religiösen Fragen uneinig waren. Vielmehr noch zeigte sich, dass ein tiefer Riss durch die Gesellschaft ging. Dieser betraf auch das alltägliche Leben. Die vorwiegend nationalliberalen Altkatholiken setzten sie sich für die Trennung von Kirche und Staat ein. So wurde im „Kulturkampf“ in Baden und reichsweit beispielsweise die Einführung der Zivilehe oder die Auflösung der Konfessionsschulen beschlossen – Neuerungen, die bis heute Bestand haben.

 

Der Bau der „Nothkirche“

Mit der Gründung der altkatholischen Gemeinde in Furtwangen ging auch die Frage einher, wo diese ihre Gottesdienste abhalten konnte. Anfangs wurde hierfür ein Raum der Gewerbehalle genutzt. Da dieser bald zu klein war, beantragten die Altkatholiken, die Furtwanger Pfarrkirche nutzen zu dürfen. Nach dem Gemeinderat stimmte auch das Badische Innenministerium 1875 zu. Zum gleichen Zeitpunkt erkannte das Innenministerium die Konstituierung der altkatholischen Gemeinde Furtwangens an. Daraufhin verbot der Erzbischof den „Papsttreuen“, Gottesdienste in der jetzt entweihten Kirche abzuhalten.

„Kath. Nothkirche Furtwangen“, Detail eines Lackschilds.

Dies hatte schließlich zur Folge, dass die römisch-katholische Gemeinde ein neues Kirchengebäude benötigte. Darum wurde die „Nothkirche“ gebaut. Diese Kirche wurde auf der Lackschilduhr verewigt, die unser „Objekt des Monats November“ ist.

Von der römisch-katholische Gemeinde wurde sie mehr als 30 Jahre lang genutzt. Aber bereits um 1900 war der Streit um die Nutzung der Stadtkirche erneut aufgeflammt. Nach mehreren Jahren der Auseinandersetzung wurden die Kirchen 1911/12 wieder getauscht. Die altkatholische Gemeinde in Furtwangen existiert bis heute. Doch die „Nothkirche“ wurde 1938 abgerissen.

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