Auch für den „Erzfeind“ interessant

Zünder für 8,8 cm FLAK-Geschosse, Junghans, 1945

Während der Zeit des Nationalsozialismus und besonders im Zweiten Weltkrieg fanden grundlegende Umstrukturierungen in der deutschen Wirtschaft statt. Unternehmen wurden nach ihrer Kriegswichtigkeit beurteilt. Unternehmenszweige, die nicht der Kriegswirtschaft dienten, wurden teilweise nahezu stillgelegt – so auch im Schwarzwald und in der Rheinebene. Dieses Gebiet entwickelte sich zu einem der Kerngebiete der deutschen Zünderproduktion. Auch die Schramberger Uhrenfabrik Gebrüder Junghans AG spielte dabei eine bedeutende Rolle.

Die Firma Junghans im Nationalsozialismus

Im Zweiten Weltkrieg gehörte die Uhrenfabrik Gebrüder Junghans AG zu den führenden Unternehmen der deutschen Rüstungsindustrie. Schon vor Kriegsbeginn war Generaldirektor Helmut Junghans in die NS-Rüstungspolitik einbezogen und zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden. Er leitete seit 1942 außerdem einen Sonderausschuss des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Dabei war es seine Aufgabe, die Arbeiten verschiedener Firmen zu koordinieren, die auch von Fremd- und Zwangsarbeitern durchgeführt wurden.

Zeitmessung und Kriegstechnologie im Zweiten Weltkrieg

8,8 cm Flugabwehrkanone der deutschen Wehrmacht (1943). Quelle: Bundesarchiv, Bild 101I-635-3999-24. Foto: Walther. CC-BY-SA 3.0.

Erzeugnisse der Uhrenindustrie, die zur Ausstattung der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg benötigt wurden, waren neben besonders exakten Uhren vor allem möglichst präzise Doppelzünder. Dabei waren zwei mögliche Auslöser zur Zündung einer Granate kombiniert: der Aufschlag und die voreingestellte Zeit. Durch diese Kombination sollte gewährleistet werden, dass Granaten zur Flugabwehr in der Luft explodierten und nicht auf heimischem Boden einschlugen. Außerdem waren diese Zünder weitaus „effektiver“ als solche ohne Zeitzündung. Wenn die Zeit bis zur Zündung sehr genau eingestellt wurde – stellen Sie sich vor, Sie würden eine Eieruhr auf die Sekunde genau stellen – war eine Explosion von Geschossen inmitten feindlicher Geschwader von Flugzeugen denkbar. Dann wurden die Granaten durch die entstehende Splitterwirkung zu besonders tödlichen Geschossen.

Zünderproduktion – begehrtes Know-How

Informationen zur Zünderproduktion wollte man schützen. Junghans, erste Hälfte 20. Jahrhundert.

Für die Produktionsweise der Uhrenfabrik Gebrüder Junghans A.G. interessierte sich der amerikanische Geheimdienst schon während des Zweiten Weltkriegs. Und auch nach Kriegsende waren die Junghans-Zünder begehrte Hightech-Produkte. Sie wurden darum im Rahmen von Demontage und Reparationszahlungen nach Frankreich gebracht. Davon berichtet der französische, damals frisch ausgebildete Uhrmacher Jean Lenôtre. In den 1950er Jahren war er als Angestellter in der französischen Rüstungsindustrie beschäftigt. Er analysierte damals die deutschen Zünder, die vor Kriegsende unter anderem von Junghans hergestellt wurden. Ziel war es, die Technologie für das französische Militär nutzbar zu machen (zum Beispiel musste man die Kalibergröße anpassen). Neben anderen Zündern war auch unser „Objekt des Monats Januar“ zu Forschungszwecken in Frankreich. Der Zünder wurde 2017 von dem oben genannten Jean Lenôtre an das Deutsche Uhrenmuseum übergeben. Dies zeigt auch das in französischer Sprache beschriebene Etikett, das das Objekt als Junghans-Zünder für 8,8 cm Geschosse auszeichnet.

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