„Endlich wird die Sommerzeit abgeschafft!“ – allerdings vor 100 Jahren

Kriegsgott Mars dreht an der Uhr. Aus einer Postkarte zur Einführung der Sommerzeit 1916

Am 1. Mai 1916 führt Deutschland als erstes Land weltweit die Sommerzeit ein. Mitten im Ersten Weltkrieg reicht dafür eine Verordnung aus. 1918 wird dann zum letzten Mal im Frühling und Herbst an den Zeigern gedreht. Die neue Republik möchte die ungeliebte Sommerzeit nicht mehr.

1916 – Deutschland führt die Sommerzeit ein

Hoffnung für Schützengraben und Heimatfront. Postkarte zur Einführung der Sommerzeit 1916

Mitten im Ersten Weltkrieg entscheidet sich Deutschland für die Sommerzeit. Von der Zeitverschiebung verspricht sich das Kaiserreich Einsparung von Rohstoffen, die an der Front dringend gebraucht werden. Im kriegsmüden Deutschland schürt die Sommerzeit neue Hoffnung auf eine Wende an der Front. Schließlich sind die kaiserlichen Truppen dem Gegner nun eine weitere Stunde voraus.

Doch der Krieg wendet sich für die Deutschen nicht zum Guten. Auch die Erwartungen an positive Effekte auf Energieverbrauch und Nahrungsmittelproduktion erfüllen sich nicht.

1918 gibt es die Sommerzeit ein letztes Mal. Denn der Erste Weltkrieg neigt sich dem Ende zu. Am 11. November wird in Compiègne bei Paris der Waffenstillstand unterzeichnet. Der Krieg hat mehr als 15 Millionen Menschen, darunter etwa die Hälfte Zivilisten, das Leben gekostet. Ganze Landstriche wurden verwüstet.

Der größte Wunsch aller ehemaligen Kriegsparteien auf beiden Seiten: Rückkehr zur Normalität. So stehen in der ersten deutschen Republik auch alle Zwangsmaßnahmen auf dem Prüfstand, darunter auch die Sommerzeit.

1919 – Soll die Sommerzeit bleiben?

Am 5. April 1919 legt die Regierung den Entwurf für ein Sommerzeitgesetz vor. Die Argumente sind die gleichen wie in Kriegszeiten. Aber die Zeiten sind vorbei, da die sommerliche Verschiebung der Zeiger als Verordnung einfach hingenommen wurde. Die Mehrheit der Redner im Parlament spricht sich gegen die Sommerzeit aus.

Selbst der Verwaltungsjurist Otto Max Köbner, der für die Reichsregierung den Gesetzesentwurf begründet, kann sich berechtigten Einwänden nicht verschließen. Er beschreibt – unfreiwillig komisch – die Position der Milchbauern:

„Die Landwirtschaft hat von Anfang an […] gesagt […]: die Kühe machen die Sommerzeit eben nicht mit; und da sich die Kühe nicht nach uns richten, müssen wir uns eben nach den Kühen richten.“

Die Kühe geben nicht mehr Milch, auch wenn sie eine Stunde früher geweckt werden. Postkarte 1917

Die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von 10 auf 8 Stunden hat ein entscheidendes Argument für die Sommerzeit entkräftet. Arbeiter und Angestellte haben durch diese wichtige sozialpolitische Maßnahme auf Dauer zwei Stunden Tageslicht gewonnen – ganz ohne Zeitverschiebung im Sommer.

Wichtiger noch als alle Argumente: Die Abgeordneten wehren sich gegen jegliche Fremdbestimmung, gegen unnötige Eingriffe des Staates in das Privatleben. Gottlieb Kenngott von der SPD bezeichnet die Sommerzeit als „Schikane“ und „sehr lästige Maßregel“.

Das deutsche Parlament lehnt 1919 ab, die  Sommerzeit weiterzuführen.

Die allgemeine Ablehnung der Sommerzeit brachte Carl Diez von der Zentrumspartei auf den Punkt:

„Wer will denn eigentlich die Sommerzeit? Kein Mensch in ganz Deutschland außer dem Reichskohlenkommissar und der deutschen Regierung.“

Die Gesetzesvorlage scheitert an einer breiten Mehrheit quer durch alle politischen Lager. Erst im Zweiten Weltkrieg wird die Sommerzeit in Deutschland erneut eingeführt.

Zum Weiterlesen

Sommerzeit

1947: Doppelte Sommerzeit – doppeltes Ärgernis?

Wer hat an der Uhr gedreht? Die Geschichte der Sommerzeit (Buchtipp aus dem Museumsshop)

Weltzeit und Mitteleuropäische Zeit

Das ABC der Zeit. Weltzeituhr nach Sandford Fleming

Die Erfindung der Weltzeit (auf der Website des Deutschen Uhrenmuseums)

 

 

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